Full text: 1914-1916 (1914-1916)

32J 
he wir ausrückten, lagen wir einmal am Berghange neben 
den Schießständen, vor einer Schafherde, die unter Wolken 
über die benachbarten Hänge zog. wir rauchten, plau- 
dernd oder schweigend. Der Moment fixierte sich. Meine 
Gedanken waren unendlich verschieden von den Euern — 
aber es war uns sehr gemeinsam, daß wir Gedanken 
hatten, wie vereinte uns dies! Sternweit getrennte 
Menschenhirne hinter Menschenstirnen! 
Auf dem Wege zur Front hatte sich einer betrunken, niemand wußte woher. 
Der Unteroffizier und die Rameraden mußten ihn immer wieder halten, da er 
auf die Plattform verlangte und unter die Räder gefallen wäre. Als meine 
Arme einmal erschlafften, dachte ich in kurzer Wut: „So laßt ihn doch, was 
macht es denn, ob dieser struppige Zwerg, den nicht mal wer vermissen würde, 
dableibt oder nicht?" Aber ins Fühlen regte sich das Gegengcfühl, wie — nicht 
wie bLse, wie falsch das sei. Dieser historisch-ökonomische Gesichtspunkt des 
unerschütterlichen Beschauers, für den das Bestehende durch sein Bestehen sein 
Recht erweist und so recht und so gut ist wie das nächste und letzte Bestehende, 
für den der Vorgang Zweck, und für den es schließlich gleichgültig und nur 
interessant ist, ob einer Zuhälter oder Prophet wird. 
Als ich draußen den ersten Toten auf die Erde geworfen sah, mit seinem 
weiten, unerlösten, bebluteten Totengesicht — nein, ich will ihn nicht wieder 
beschreiben — da zweifelte ich, da war ich gewiß: was wäre groß genug, dies 
eine Menschenleben als Preis zu fordern. 
Ich weiß ja: Menschen, Menschen sind wir alle — und daß es sich fragt, 
ob denn dies das wichtige ist, ob es nicht auf alles ankommt, was wie sonst 
haben, außer dem Menschlichen — falls nicht auch dieses Sonstige menschlich ist? 
wir sind Menschen, aber wir sind nicht gleich, wir sind weit entfernt 
davon, dies zu glauben. Aber daß wir ungleich sind, ist unsre Gleichheit, 
Mensch neben Mensch, Individuum neben dem andern — eben unsre Einzelheit, 
daß jeder einzeln ist, vereinigt uns — und weil er einmalig, geschlossen, invi- 
duiert ist, bleibt der Letzte (nicht gleich wert, aber) unersetzlich wie der Beste. 
Jeder hat seinen Play, wo es sei, in der wüste, in der Verwahrlosung, und 
dieser Platz bliebe leer. 
wir denken nicht daran, die Menschen zu lieben, es wäre uns näher, sie 
zu hassen, wenn dies nicht leichter wäre. Aber lebt sie denn, die Menschheit,
	        

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