Full text: 1914-1916 (1914-1916)

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Die Argouneu 
Aus Briefe« 
v^iu weites, süßes Land, Berge uud Wälder wie geballte Wolken, Täler und 
Tälcheu eng uud grundlos tief, von verzauberter Stille überdeckt, von dunklem» 
traurigem Licht durchschwommen. Ein betäubender Wald! Der Himmel ist 
immer von weißer Seide verwaschen, die Sonne glänzt leise in dem sauften 
Blau, ihr Schein fällt durchlöchert in großen Scheiben durch die dämmernden 
Dickichte. 
Die Nacht, ob Mondschein oder Rege«, ist beherrscht von den runden 
Konturen der Berge, die wie Pferde in endlos galoppierenden Linien um die 
Horizonte rennen, ist beherrscht von dem sausenden Klang der Wälder, von dem 
Glockeuton des allmächtigen Wassers, das den Bergen wie Blut entströmt, «an 
mag stoßen, wo mau will. 
Souueuanfgaug gibt es hier nicht. Wie eine weiße Zahne, deren Ränder 
golden opalisieren, rieht die Helligkeit des Morgens über die Berge, ein sanfter 
Strom von Licht bricht aus den zerschossenen Gründen, uud wenn rund uud 
voll die Sonne über die Kuppen hiuausrntscht, ist die scharfe Helle des Tages 
schon längst in die letzten Winkel gekrochen. 
llberherrscheud uud fürchterlich ist der Regen, jenes traurige Zest der Wäl 
der, wenn sie in undurchdringlichen Schwaden ihre Verbindung mit dem niedrig 
eiuherschleifeudeu Himmel feiern. Alles ist daun Dampf uud feuchte Enge. Von 
unten quillt ein unüberwindbarer Strom» die Poren der Berge uud Bäume 
öffnen sich zu endlosen Flössen, der Himmel klatscht mit überschwenglichen 
Schloßen darwischen. Dies ist das Unglück, das das Land zur kalten feuchten 
Hölle macht, das jeden Winkel des Waldes mit traurigen Gespenstern erfüllt. 
„La fille morte“ und „le mort komme" spuken mit grausigen Varianten bis 
in die Trümmer der rerfchosseueu Dörfer. 
Der Krieg! Eine schleichende, schleimige Gefahr! Das wilde Gesicht 
der vergangenen Stürme hat er abgeworfen. Er ist still geworden, gemein 
ohne Größe, gehässig ohne Haß, wütend ohne die eherne Wut der großen 
Offensiven. Wie Schlangen ringeln sich die Schrapuellwolkeu um die zer- 
splitterteu Reste der Bäume, mit kurzem gellendem Pfiff einem erstaunte« 
Arbeitertrupp in den Rucken fallend, dessen Leichen daun schweigend mit der 
tragischen Gebärde geknickter Marionetten über die Felsen stürze«. 
Minen wanken unbeholfenen knatternden Zlugs durch die Luft. 2hre 
majestätischen Detonationen mit den riesigen Garben gesprengter Erde, de« 
maßlosen Wolken weißer Gase erinnern au grandiose Gewitter. Mau könnte 
au ihrem Schauspiel etwas Erhabenes finden. Doch ihre Wirkung sprengt 
Nerven eher als Unterstände.
	        

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