Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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anfänge. Ein weiter Einblick reißt mich auf: Ich weiß: Das ist der Mond, der Mond, der 
unterm Sehdunkel blutete, erdämmerte. 
Nun ist er da! Aus weißem Leid geschweißt, entbeißt er sich aus Purpurblutungen der 
dunklen Mutter. Ich schreie fast: Der zweite Mond! Die Toten, die der ausgestorbene 
Mond entfleischt, zu Knochen kurz verbrockt hat, entrollen ihre bleiche Wiederkunft. 
Gespenster entseelen die Finsternis und frieren an mich, den silberlich Fiebernden, das 
Nichts zerschwirrend, heran. Verlorne Flocken von Hervorgeschleierten beschleichen 
bereits meine leichenbleichen Leibesüberbleibsel. Unendliche Segel überhissen mich, mich, 
den in alle die Gefährlichkeiten Hinausgerißnen! Vorstellungen, so schaumgrau wieWetter* 
wölken vor dem Vollmond, verwirbeln meine Entsinnungen, wo Mund und Nase waren. 
Bin ich entseelt? Ersticken will ich nicht: Und doch, der Mond, der ewige Mond hat mich 
Verwehbaren in sich versogen. Ich sterbe nicht, wir sterben nicht, denn Sterbesilber bin 
ich selber! 
Der zweite Mond! Ein Schrei, der mich in das Bewußtsein meiner Dunkelheiten reißt! 
Schwarze Nacht, schwarze Nacht, ich taste mich aus der Angst an kalten Angriffen 
der Nacht hinan bis in die Klarheit über meine Lage. Die Nacht ist schwarz! Im Schwär= 
zen fange ich an, mich ganz zu fassen! 
Wie kalt mir war! Ich traue schwarzen Hauchen, die fast an meine Haut anstarren. 
Ich wage zu wandeln. 
Ich schaue auf: Draußen gleißt es eisig: Weiß und bleich. Die Berge sind mit Schnee 
bedeckt. Dem schnellen Nebelwechsel trotzt ein blaß entflammtes goldgefromes Ei mit 
dem Mond zum Kern. Es scheint das Meer von einem zweiten Meere überschwemmt 
zu werden. Wie lange, schlangenlange Wolken, schlagen Wogen immer wieder an den 
Strand an. Unendlich breite Wanderwasserfälle jagen reihenweise auf den weiten bleL 
chen Sand. Gewitterahnungen erwachen noch in einigen fiebernden Meeresstrichen. Und 
doch ist diese Lebendigkeit schreckreidier, sterbensähnlicher, als alles Stille. 
Die Silberschwingungen des Wassers auf dem Strand zerringeln wieAhnungen desWahn» 
witzes, der, wo er sich heranmacht, sich selbst zuWitzverschnörklungen zwingt. Mir winkt 
der Wind, mich schlingt das Licht, den Frierenden in sichtbarer Vereinsamung, begierig ein. 
Lebendiges Dunkel umdrängt mich: Das nächtliche Abenteuer verändert sich wieder! Den 
hellen Sterbenseindruck verstellt bereits eine wimmelnde, schwärzliche Menschenmenge. 
Tausende von grauen Leuten durchzacken, zerfasern die einfältig strahlende Nacht. 
— Es soll sofort eine Mondfinsternis beginnen! 
Also das vermag die Phantasie. Mein Wille, wirst du die Inzucht selbstverliebter Nei* 
gungen bezwingen? Vernunft, du bist voll Dunkel. Erfunkle nun in mir! Ich habe ja die 
Nacht, zu lang fast, vor allen Tagesansprüchen bewahrt, doch will ich nimmer die Panik 
vor heiligem Alpenglühn vermissen. Das strahlt mich blaß, kristallhaft an. 
Und ich Versuchs mit der Vernunft! 
Erinnern kann ich mich: Da kam ein Herbst! 
Die Flammen wallten langsam durch die Halden. 
Das Grün versprühte und verflüchtigte sich über Flüsse, über Hügel. Die Fluten wurden 
dunkel. Die Pinien und Olivenbäume rahmten gelbe Weggehege ein. Zuerst entloderte 
das Gold der hohen Berge. Der Waldesscharlach brach aus manchem Tal und faßte alle 
wilden Reben und Kastanien. Schon rostete der Wein: Da packte mich die Angst vor 
solchem Sterbensanfang. Es bluteten die Fluren: Ich hatte Furcht! Die Sommerwollust,
	        

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