Full text: Veröffentlichung der November Gruppe (1(1921))

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M it wem es irgend ein Gott gut meint, den lässt er auf die Höhe der sogenannten 
Alpen gelangen — auch bei den ungünstigsten deutschen Valutaverhältnissen — und 
dann, von der heutigen Station Brennero, bis vor sehr kurzem noch österreichisch 
Brenner, dieser schneezipflichen, sich mordsüberheblich benehmenden Völkerscheide 
. Alpen, von der sich auch so überheblich benehmenden Kreatur Mensch genannt, ab 
wärts laufen, direkt in dieses Land Italia hinein. 
Nicht soll mir wie all den lyrischen Hampelmännern (dazu gehören auch die 
literarischen Farbklexer aller Zeiten) der Mund übergehen von den hehren Eindrücken, 
die Italien, das Land der Sehnsucht, auf sentimentale Gemüter träufelt, besonders auf 
die blonden .... Aber sie meinen, das Bild „Goethe in der Campania" sei doch sehr 
ergreifend; gewiss, wie er so das Dichterbein dahinstreckf — parallel der Villa Appia — 
es ist um das Fieber zu kriegen schön. 
Ich aber will sehr harmlose Dinge erzählen — von der Rosteria, in der es in Ol 
gesottenen Blumenkohl für sehr geringes Geld gibt und so —, während doch ein 
deutscher Magen hauptsächlich voll Kartoffeln gestopft wird und dabei soll dann mein 
armes Vater- und Mutterland nicht schwermütig und -blüfig werden und Kriege verlieren. 
Aber zunächst kommt man nach Bozen und erlebt in all den vormalig südtiroler 
Tälern die grössten Konflikte mit, die dieses biedre Tirolervolk zerwühlen, weil der 
Geldbeutel nach Italien schreit, das Herz aber tendiert nach Norden — und mit vierzig 
Jahren soll man noch italienisch lernen — das ist zu viel — und doch — die deutsche 
Valuta Italiano; wenn sich der Weltmarkt wieder etwas ausgeglichen hat, dann 
schlägt das Herz unter dem buntgestichfen Hosenträger wieder deutsch; die da oben 
vergessen dann gar bald die Annehmlichkeiten dieses diplomatischen Bestechungs 
verfahrens — aber was gehts mich an. Und Bozen hat die Virglbahn, und da schaut 
man hinunter, und Berlin hat nidits, von wo man hinunlerschauen kann, es sei denn 
die Untergrundbahn; und ein Rosengarten ist auch hier, aber nicht König Laurin 
seiner, sondern Kaiserin Augusta Viktoria herrscht da und hat ein Korsett an. Aber 
dann kommt Trient und das Kriegsgebiet bis zum Gardasee. Ja, ja, Kultur ist eine 
schöne Sache, und wenn man die Granafeinschläge mitten hinein in die Dolomiten 
sieht, so denkt man an diese Filigranstadt Venedig, und dass die Menschheit doch sehr 
zivilisiert ist, da sie zufällig nicht hineingefunkt hat, und also der Markusplatz bis auf 
weiteres von Scharen von Hochzeitsreisenden aller fünf Erdteile heimgesucht werden 
kann. Dagegen legt Riva am Gardasee beredtes Zeugnis von der Kulturarbeit dieser 
herrlichsten Erfindung „Mörser" ab. Aber die Zitronenbäume hängen nach wie vor 
voll von Früchten, und das ist gut, denn wieviel Schnupfen gibt es schon wieder in 
Deutschland und Halsentzündung, da ist Zitronensäure nun mal das einzig Richtige 
dagegen, was sogar der berliner Hausarzt zugibt, der viel lieber lateinische Rezepte 
verschreibt, weil sie besser aussehen, und weil eine Sache, die nicht viel Geld kostet, 
in gewissen Kreisen kein Vertrauen erweckt. So ein langes lateinisches Geschreibsel 
von einem Spezialisten, was einen richtigen Batzen kostet — das allein kann helfen. 
Dass der Lago di Gar da mit den deutschen Seen nur die Nässe gemein hat, möchte 
ich noch erwähnen, im übrigen steht im Baedecker azurblau. 
Und nun Verona; bis dahin hat man noch nichts von Menschen gesehen, es gab 
nur Soldaten, ausgenommen vielleicht ein paar bezaubernde Fratzen von dreckigen 
Kindern in Arco, die mit einer Freigiebigkeit Äpfel verschenkten, wie der Amerikaner 
Kinoreklamezettel. Aber — eine Arena ist da, und bei diesen so organisch ge 
schichteten Steinmassen fällt einem wohl ein, was man heute in Berlin, ja, auch in der
	        
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