Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

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GCossen 
Der politische Gedanke und die politische 
Aktion wissen und berücksichtigen, daß 
heute und immer Internationalität die stärkste 
Idealität, Nationalität die stärkste Realität 
bedeutet. Die politischen Systeme aber, 
Kapitalismus, Militarismus, Sozialismus, 
überspannen oder verkehren dasVerhältnis. 
* 
»Die Schlachtfelder«, sagte ein Soldat, 
»sind nur ein vager Ausdruck dessen, was 
geschieht. Und glaubt mir«, fuhr er müde 
lächelnd fort, »nicht das Sterben im Kriege, 
sondern das Leben im Kriege ist das 
Fürchterliche!« 
Schickung gehört zum Wesen des wahren 
Soldaten. Er verlangt nicht nach dem Kriege, 
er führt ihn. 
★ 
Es ist unerläßlich im Kriege — und 
weise im Frieden, den ewigen Frieden zu 
predigen. Man würde es noch im ewigen 
Frieden immer tun müssen. 
•* 
Es ist nicht nur für den deutschenNational- 
charakter kennzeichnend ,■ es ist so und es 
ist wichtig für den Sinn der Rassen und 
% 
den Sinn der Welt — daß die halben 
Franzosen die <in jedem, besonders im 
sadilichen Sinne) besten Deutschen sind. 
★ 
Der Geist einer Zeit stellt sich in ihrem 
Genie dar,- aber ihre Kultur bestimmen 
die Köpfe dritten und vierten Ranges. 
★ 
Der Feind der Zeit ist ihr schlimmerer 
Knecht, und es ist nur bequemer, seine 
Zeit zu hassen. Wer aber seiner Zeit ohne 
Tadel dient, ist ihr schlimmster Feind. 
★ 
Das perpetuum mobile, das seine ganze 
Kraft zur Erhaltung der eigenen Bewegung 
in sich verschränkt und verbraucht, ist be 
reits da: es ist denZirkel des wirtschaft 
lichen Lebens. 
★ 
Der Philister fürchtet nichts so sehr wie 
Tragödien. Darum hat er vieles andre und 
schließlich, um die Entwicklung zu sich zu 
mildern, den Fortschritt erfunden. 
Rudoff Leonfiard. 
Ein Garten singt: 
Zum Neumond habe ich mich mit dem 
Lenz vermählt. 
Nun spiele ich ihm über Nacht bunteste 
Windenkelche und Maiglöckchen in die 
Hand, er aber läßt Falter über mir aus, 
die seine liebkosende Rechte erst verborgen 
gehalten. 
Ich verstecke für ihn weiße und dunkele 
Veilchen, die er findet, weil sie ihr Duft 
verriet. 
. Meine Erde öffne ich, daß ungezählte 
Keime, erwachend, ihm ihre Kinderärmchen 
entgegenstrecken. So sehr rührt mich das 
Werden unserer Kleinen, daß ich allnächt 
lich Freudentränen vergieße, die ich nicht 
halten kann. Beim Morgenblinken stehen 
die silbernen Tropfen meines Glücks auf 
ihrer Stirne: sie aber leben davon. 
Meine Bäume halte ich dem Lenz hin: 
er zielt mit dem Auge ganz lange. »Wer 
lacht zuerst,« sagt er, und da fangen die 
törichten alten Herren zu zwinkern an und 
zu schmunzeln, können sich nicht bezwingen, 
öffnen jählings große und kleine Münder, 
und weiß-rosa Blüten leuchten aus auf 
gesprungenen Lippen. 
Bienen, die von Wachs und Honig triefen, 
übersummen mich. An den Beeten der noch 
blütelosen Reseden in unendlichem Behagen
	        

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