Full text: Der Ararat : Glossen, Skizzen und Notizen zur Neuen Kunst (1(1920),11/12)

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Umgehung ablehnen. Die Folge davon wird sein, daß 
der Schieichhandel immer weiter um sich greift, und daß 
den anständigen, fachmännisch gebildeten Kunsthändlern 
und Kunstausstellungs» Leitern die Veranstaltung von 
Ausstellungen unmöglich gemacht wird. 
Wir machen darauf aufmerksam, daß wir wohl die 
Interessen unseres Standes vertreten und zwar nicht nur 
die ideellen, sondern auch die materiellen, daß aber die 
Vertretung der materiellen Interessen hierbei keine sehr 
große Rolle spielt. Fast jeder Kunstausstellungs»Leiter 
betreibt neben dem Geschäft der Kunstausstellungen auch 
noch das Geschäft des privaten Handels, d. h. er kauft 
Bilder lebender Künstler, aber auch verstorbener, und ver» 
kauft sie, ohne sie auszustellen, an den Sammler. Die 
Abschnürung des Ausstellungsgeschäftes würde für uns 
alle wohl nichts anderes bedeuten, als eine große Ent» 
lastung von Arbeit, Mühe und Kosten. Aber sie würde 
uns die Freude an unserem Beruf nehmen, sie würde uns 
die Möglichkeit nehmen, für unbekannte Künstler ein» 
zutreten. 
Nun erlauben wir uns, auch daraufhinzuweisen, welchen 
Schädigungen die Künstler durch die neuen Gesetzes» 
bestimmungen ausgesetzt sind. 
Der berühmte Künstler wird durch das Gesetz nicht 
getroffen. Den Weg zu dem Atelier eines berühmten 
Künstlers findet das Publikum,- er hat also nur einen 
Vorteil durch diese Bestimmung. Wie aber ist die Lage 
des jungen unbekannten Künstlers, der in der Einsamkeit 
und unter schwierigsten ökonomischen Verhältnissen ar» 
beitet? Auf welche Weise findet der Sammler den Weg 
in das Atelier eines Unbekannten? Und wenn er ihn findet, 
wird der Künstler imstande sein, ohne den Rüdkhalt des 
Händlers seine Preise zu halten? Wird nicht der Käufer 
unwillkürlich verführt werden zu unterbieten, der Künstler, 
jeden Preis anzunehmen ? 
Wenn die Kunstausstellungen vernichtet sind — und 
sie werden durch diese Gesetzesbestimmung vernichtet — 
so ist der junge Künstler, und vor allem der Künstler, der 
an einer neuen Kunstentwicklung mitarbeitet, verloren. 
Nehmen wir an, es ist ein Mann, dessen Talent ihn zur 
Landschaft treibt, nicht ein Modelandschafter, der einige 
Wochen auf Sommerreisen geht und den Rest des Jahres 
in seinem behaglichen Atelier den Besuch von Käufern 
erwartet, sondern ein ernst ringender Maler, Landschafter 
oder Beobachter des bäuerlichen Lebens, der Winter und 
Sommer auf dem Lande, in einem Dorfe lebt, womöglich 
kein Atelier sein eigen nennt, der gar nicht imstande ist, 
selbst wenn ihn schon jemand findet, Besuche zu empfangen 
und seine Bilder vorteilhaft zu präsentieren, der von den 
Preisen nichts weiß und nichts vom Markt. Es bleiben 
diesem Künstler nur zwei Wege: er muß sich dunklen 
Agenten anvertrauen, die denVerkauf unter hoher Provi» 
sion »hinten herum« für ihn vermitteln, oder er muß einen 
Raum zur Ausstellung selbst mieten, ein Unternehmen, 
das ihn auf Jahre hinaus in Schulden und Verpflichtungen 
drückendster Art wirft. * 
Die Presse ist in ihrer Wirkung durch die Abschnürung 
der Kunstausstellungen vernichtet. Höchstens Lokalgrößen 
können gedeihen, es fehlt die Vermittlung zwischen dem 
Künstler und dem Publikum. 
Eine letzte Gefahr: der Gesetzeszusatz betrifft nur den 
deutschen Künstler. Der Kunsthändler wird also geradezu 
darauf hingewiesen, in möglichst großem Umfange Aus» 
Stellungen ausländischer Künstler zu veranstalten. 
Wenn man einwendet, daß trotzalledem die Aus» 
Stellungen deutschen zeitgenössischen Künstlern n i ch t 
unmöglich gemacht werden, so weisen wir auf folgende 
Rechnungen hin, deren Richtigkeit jeder fachmännischen 
Nachprüfung standhalten wird, Nehmen wir an, trotz der 
Gesetzesbestimmung bleiben die Kunstausstellungen be» 
stehen, das Netz dieser Organisation bedeckt wie früher 
das Land. Ein berühmter Künstler macht eine Ausstellung 
von 20 Bildern. Die Herstellung eines Bildes—wir sprechen 
jetzt nur von Leinwand, Farbe und Keilrahmen, nicht vom 
Modellgeld, vom Reisen usw. — beträgt ungefähr 250 M., 
der dazu gehörige Rahmen kostet ungefähr 750 M„ so daß 
jedes Bild ungefähr 1000 M. Herstellungskosten hat. Malt 
ein berühmter Künstler 20 Bilder, so ist er sicher, daß er 
den größten Teil dieser Bilder in ganz kurzer Zeit ver» 
kauft. Nehmen wir an, er wird, bevor er die Bilder über» 
haupt zur Ausstellung schickt, sie schon verkauft haben, 
weil der Käufer die 15% vermeiden will. Wenn der 
Künstler 20 Bilder verkauft hat, so hat er anHerstellungs» 
kosten ungefähr 20000 M. für Leinwand, Farbe und 
Rahmen,- dazu kommt die Umsatzsteuer von 1 1 /a°/o, das 
sind bei einem Verkaufspreis von 20000 M. pro Bild ins» 
gesamt 6000 M. Seine Unkosten betragen also 26000 M. 
Sie sind im Verhältnis zum Resultat ganz gleichgültig. 
Der unbekannte Künstler, der 20 Bilder malt und zu 
dem niemand ins Atelier kommt, zeigt diese Bilder auf 
Ausstellungen. Setzen wir als Verkaufspreis für den un» 
bekannten Künstler den durchaus nicht zu niedrig ange» 
nommenen Preis von 3000 Mk. an. Jedes Bild kostet ihn 
genau wie den berühmten Künstler 250Mk. Herstellung. 
Das ergibt die Summe von 5000 Mk. 20 Rahmen kosten ihn, 
gesetzt den Fall, daß er darauf verzichtet, gute Rahmen, die 
den Verkauf erleichtern, zu erwerben, wenigstens 8000 Mk. 
Er hat also 13000 Mk. Herstellungskosten. Wenn er 
20 Bilder verkauft, so hat er 9000 Mk. Luxussteuer zu 
zahlen, so daß die Unkosten jetzt schon 22 000 Mk. betragen. 
Dabei ist weder der Transport berechnet, noch ist berechnet, 
daß der Leiter der Kunstausstellung eine Provision bean» 
Sprüchen muß. In Wirklichkeit aber hat ein junger Künstler 
absolut nicht die Chance, in absehbarer Zeit 20 Bilder von 
20 gemalten Bildern zu verkaufen. Wenn es ihm gelingt, 
im Laufe weniger Monate 10 zu verkaufen, so ist das ein 
ganz außergewöhnlicher Erfolg und dabei stellt sich dann 
die Rechnung folgendermaßen: Die Kosten für Leinwand, 
Farbe usw. für 20 Bilder 5000 Mk., 20 Rahmen 8000 Mk., 
15% Luxussteuer für 10 verkaufte Bilder 4500Mk. Das 
gibt eine Ausgabe von zusammen 17500Mk. Dazu kommt 
20% Provision für den Verkauf von 10 Bildern ä3000Mk.
	        

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