Full text: Der Gegner (3(1922),1)

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Papiergeld auszakommen und ohne Defizit zu wirtschaften, und dabei den festen 
Kurs beizubehalten, so wäre das sehr schön. Schon eine feste Währung allein 
wäre das Reservekapital, aus welchem man auf dem Wege mäßiger Emission die 
nötigen ^Summen zur Ergänzung kleiner zeitweiliger Fehlbeträge im Budget nehmen 
könnte; man könnte schließlich von dieser Währung etwas wie Zinsen erhalten, 
soweit die Anhäufung in dem nichtsozialisierten Teile der Industrie, d. h. in der 
Kleinindustrie, erlaubt, Emissionen von Papiergeld zu machen, welche der An 
häufung das Gleichgewicht halten, ohne den Kurs des Papiergeldes ins Schwanken 
zu bringen. Ein solches Idyll aber ist durchaus utopistisch. Das proletarische 
Regime schafft nicht selbst die objektiven wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen 
es zur Welt kommt, sondern findet sie als eine historische Tatsache, als Resultat 
aller vorausgegangenen Entwicklung vor. Und diese Bedingungen werden charak 
terisiert durch den Zerfall der bourgeoisen Wirtschaft, durch die Erschöpfung des 
Landes, den Verfall der Industrie in der Zeit des Kampfes um die Macht und 
des Bürgerkrieges, einen Verfall, der nicht gleich und schnell nach dem Uebergang 
der Gewalt an die Arbeiterklasse liquidiert werden kann. 
Unter diesen Bedingungen ist es der Arbeiterregierung nicht anheimgesteilt, 
zwischen einer festen Währung ohne Inflation und einer fallenden Währung mit 
Inflation zu wählen. Sie hat zu wählen zwischen dem Fallen des Geldkurses oder 
dem Fall ihrer Macht wegen Mangels an materiellen Ressourcen. Was unter 
solchen Bedingungen vorzuziehen ist, ist von selbst klar. 
Weiter aber, wenn die Notwendigkeit einer Finanzreform zur Reife gelangt 
sein wird, dann wird der Staat unter den verschiedenen Methoden der Lösung 
dieser Frage zu wählen haben, unter denen aber die für bourgeoise Erkenntnis 
gewohnte Devalvation fehlen wird. Devalvation, d. h. Auskauf durch den Staat 
zu Marktpreisen des im Kurse gefallenen Papiergeldes für neues Papiergeld, das 
dem Metallgeld gleichgestellt ist und frei gegen Metallgeld eingewechselt werden 
kann; diese Maßregel hat zwei Bedingungen zur Voraussetzung: erstens, daß die 
sozialistische Produktion und Verteilung soweit vorgeschritten sind, und die 
Naturalsteuern, die der Kleinproduktion auferlegt sind, so regelmäßig eingehen, 
daß die Möglichkeit vorliegt, die Emission von Papieren aufzugeben und eine 
Währung mit festem Kurs herzustellen. Zweitens setzt diese Maßnahme einen 
solchen Geldvorrat beim Staate voraus, welcher zum Auskauf des ganzen im 
Lande umlaufenden Papiergeldes reicht. Wie lächerlich diese Rezepte für eine(n 
ruinierten Staat, welcher nicht die Möglichkeit hat, der Emission von Papiergeld 
Einhalt zu tun, geschweige denn seine Goldvorräte Spekulanten und Wucherern in 
die Taschen zu werfen, ist ganz augenscheinlich. Wir reden schon gar nicht da 
von, daß eine Devalvation die Einnahmen demjenigen nicht zurückbringt, der 
ruiniert ist und, im Gegenteil, denjenigen ruiniert, für dessen Einnahmen vor allen 
Dingen gesorgt werden muß, d. h. die Proletarierregierung ruiniert indessen 
wurden solche Rezepte der Proletarierregierung in Rußland von bourgeoiser 
Seite fast seit dem ersten Monat ihrer Existenz gemacht. Und es gab 
einige naive Kommunisten, die eine Devalvation befürworteten und damit be 
kundeten, daß sie absolut nicht das Zusammenwirken aller wirtschaftlichen Be 
dingungen, in denen sie selbst leben und arbeiten, verstehen. Unterdessen aber 
gaben dieselben bourgeoisen Volkswirte im weißgardistischen Lager Koltschaks, 
Denikins und anderer Prätendenten auf die Macht in der Zeit ihres Kampfes 
gegen Sowjetrußland ganz andere Ratschläge. Wie bekannt, legten sich die Herren
	        
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