Full text: 1914-1916 (1914-1916)

I. 
Oktober IS14. 
Es ist noch verfrüht (obwohl es weiß Gott nicht unpatriotisch ist), europäische 
Worte in unseren plombierten Ländern auszusprechen. Aber einer muß doch 
anfangen. Ich will jedoch niemanden Ungelegenheiten bereiten, ich will auch 
nicht mißverstanden werden. Und ich will nicht diskutieren. Das ist heute zu 
viel verlangt. 
Du und ich aber wir waren einer Sinnesart, und du bist tot. Darum 
richte ich meine Worte an dich und klammere mich an deinen Schatten. Und 
du, der vielleicht nur mehr Augen für das Unsichtbare hast, du stehst wie über 
schwänglich froh ich mein Nichts von Leben hundertmal veratmet hätte, um 
abzuwenden, was heute in der Welt geschieht, wir waren wohl zu leicht be 
funden und unserer zu wenige, die uns gerne zu Geiseln geschart, und den 
Gorgonen entgegengeworfen hätten, ihre wütenden Schritte, und auf ihren 
Häuptern die entsetzlichen Natterngcwinde zu bannen, die nun entfesselten, deren 
giftige Brut überall nistet. Ja, wo die gütige Erde Saaten und Früchte trug 
und die friedliche Rornblume sproßte, dort wogen jetzt sie geschäftig über die 
verwüsteten Äcker und würgen die Männer dahin, während ihr Gift wie fern 
wirkende Geschoße die unverschonten Frauen ereilen, die weit weg in den ge 
schützten Städten die Agonie ihrer Männer vernehmen. So ist jetzt die Welt. 
„Hat nicht ein Jeder im Leben Momente gehabt, über die er nicht härte 
hinauskommen sollen, und ist es doch; zum deutlichen Beweise, daß etwas im 
Menschen sein müsse, das alle irdischen Begegnisse übcrschwebt und also über 
schweben kann, wenn es sich nicht selbst aufgibt." 
Diesen Say las ich heute, wer ist man 7 Und doch gilt es, die Treue an 
stch selber zu bewahren, auch wenn es alle Gemeinschaft mit den anderen kostet. 
O verlasse mich nicht! Dustehst, wie jetzt die Leute ihre Fenster schließen. Der 
wind, der über die Erde rauscht, ihnen trägt er nichts zu; jeder weiß, wo er 
hingehört und scharf und wie geschliffen fällt seine Türe ins Schloß. Nur ich 
bin heimatlos durch diesen Rrieg geworden: Ja — hätte Gott, der den Arm 
Abrahams (den zur Opferung des Sohnes schon erhobenen) zurückhielt, hätte 
er dem rückwärtigen Lauf des Höllenrades Einhalt geboten, und angesichts so 
viel wundervoller Bereitheit zu sterben stch erbarmt, dann würde freilich auch 
ich mich freuen, das Präludium dieses Rrieges erlebt zu haben. Denn wer ver 
gäße je der Gesichter, die er da sah. 
Doch vom Tag an, wo das Sengen und Brennen und Schießen und Er 
stechen und Niederstoßen und Erwürgen und Bombenwerfen und Minenlegen 
anging, und man stch freute über die Ertrunkenen und Erschlagenen und allen 
Jammer des Anderen, von dem Tag an, stehst du, bin ich eine Ausgestoßene; 
von einer solchen Welt bin ich geschieden; wie ein Idiot.
	        

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