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sein Volk. Es war eine Zeit der passiven Resistenz, des kaum 
beginnenden Zweifels an den Wahrheiten des Patriotismus 
und der Monarchie, der Gereiztheit, die darauf lauerte, 
in die Fäuste zu fahren — eine Zeit der Schwüle und des 
Jammers. Dada mußte in einer solchen Atmosphäre etwas 
anderes werden als jene sanfte Besprechung und Ueber- 
einkunft zur Idylle, welche man in Zürich daraus gemacht 
hatte. Um das Interesse von Menschen zu erregen, die 
nach ihrer Ansicht in einem wilden Kampf nicht nur um die 
+ Existenz ihres Staates, sondern auch um die Existenz ihrer 
Kultur standen, mußte man andere, politischere, wirk 
samere Mittel gebrauchen, als sie in Zürich überhaupt an 
gewandt werden konnten. Das Jahr 1917 verging mit Ex 
perimenten, bei denen das Wort Dada nicht einmal er 
wähnt wurde. Ich hatte mich meiner ganzen Einstellung 
nach von der „modernen Kunst“ entfernt. Mit John Heart- 
field und Jung (dem finsteren Dämoniker!) machte ich die 
Neue Jugend und gründete mit Heartfield ad hoc den Matik- 
Verlag. Während ich mit dem Neuen Menschen, einen Auf 
satz, den ich in der ersten Nummer der Wochenausgabe 
der Neuen Jugend veröffentlichte, wieder in eine mir heute 
unverständliche Propagation des Menschlichkeitsschwindels 
zurückfiel, machte Heartfield in der typographischen Auf 
machung der Zeitschrift schon wahren Dadaismus, indem 
'er versuchte, die von den Futuristen überkommene Intellek- 
tualität der typographischen Anordnung in ein Geschrei 
von Farbe und Buntheit aufzulösen. Unser Dadaismus 
bestand damals zur Hauptsache in ungeheuren Saufgelagen 
bei Mampe und Kempinski, wo ich mit George Grosz sehr 
viele Flaschen Old Romeiro und Douro Portwein trank. 
Im Januar des Jahres 1918 gab ich zusammen mit den Dich 
tern Theodor Däubler, Max Herrmann-Neisse und dem 
leider bekannt gewordenen Vortragskünstler Hans Heinz 
(nu ja!) Twardowsky — einem typischen Berlin Ww-In- 
tellektualprodukt, einen Vortragsabend, an dem ich es durch 
Anwendung roher Gewalt und verschlagener Schieberkünste 
verstand, am Anfang (obwohl ich nach Rang und Wert 
beurteilt an den Schluß gehört hätte) zu sagen, daß dieser
	        

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