Full text: Erstes Veilchenheft (21)

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„Das is bisken zu klein, ich würde Ihnen raten, sperren Sie das Vieh 
in die Küche, da haben Sie gleich fließendes Wasser, und da kann 
das Tierchen dann den Kopp unterhalten, das muß fürs erste genügen/' 
„Emil, wo lassen wir denn unsern Löwen?" fragte Frau Schulze. - 
„Am besten in der Kammer auf Deinem Bettvorleger." - „ich schlage 
vor," sagte Herr Gleiwitz, „wir mieten uns gemeinsam einen Möbel 
wagen und transportieren die Tiere zusammen, denn gewöhnen se 
sich gleich aneinander." 
Donnerwetter, staunten die Leute, als der Möbelwagen ankam. Frau 
Schulze hatte ihr Blauseidenes angezogen. Sie war die erste, die 
unten am Schlag stand. Als der Löwe herauskam, band sie ihm 
gleich ein hübsches blaues Bändchen mit einer Schleife um den Hals 
und streichelte ihm zärtlich Kopf und Nacken. Da ging der gerne 
mit und legte sich oben gleich auf ihren Bettvorleger. „Wenn der 
nur stubenrein ist," sagte sie zu Emil, dann ging sie ans Fenster, 
mal sehen, v/enn die anderen ankamen. 
Donnerwetter, war das ne Jökelei! So elegant wie mit dem Löwen 
ging das mit dem Nilpferd nicht. Das hatte nämlich absolut keine 
Manieren. Vier Meter lang, zwei Meter dick, so sieht er aus, mein 
Vetter Nick. Also man nannte es Nick, weil es so aussah. Wie das 
schon dumm vom Möbelwagen auf die Straße hinunterpatschte. Und 
wie es dann die kleine Treppe zur gotischen Haustür hinaufwatschelte, 
wie unschön! Und da stand er nun, der Herr Hippopotamus aus der 
vornehmen Familie von Obesa in dem gotischen Torbogen der Ein 
gangstür fest eingeklemmt. Und die Steinböcke waren auch schon 
ausgestiegen und tanzten auf der Straße umher, stießen sich gegen 
seitig und boxten die harmlosen Passanten stoßweise in die Seite. 
Und draußen stand die Schönwettern und schob so gewöhnlich den 
Herrn von Obesa am Hinterviertel, während im Treppenhaus ver 
zweifelt Herr Gleiwitz stand, weil er nicht zu seinen Steinböcken 
kommen konnte. Er rief sie dauernd mit seiner gellenden Pfeife, wo 
durch wiederum das Nilpferd verbiestert wurde und nach hinten aus 
schlug. Aber Gott sei Dank hatte es nur alte Hufeisen an seinen 
Schwimmflossen, die schon etwas ausgewaschen waren. Nun wurde 
das Tierchen auch zu trocken in dem dauernden Zug in der gotischen 
Türöffnung, daher begoß man es mit Wassereimern. Endlich sprang 
Herr Gleiwitz beherzt durch die Lücke zwischen dem Vetter Nick 
und der gotischen Türspitze auf die Straße und bekam dabei aus 
Versehen gerade einen Eimer voll Wasser ins Gesicht, der dem Nil 
pferd gegolten hatte. Aber er tat nicht als ob, sondern sie hätten 
den Jubel mal sehen sollen, als der seine vier Steinböckchen in die 
Arme schloß. Das war ergreifend schön. Sie leckten ihm alle die 
Hände, und der eine, der überhaupt immer am zutraulichsten war, 
sprang ihm gleich auf beide Schultern und ließ von oben eine ganze 
Kette echter Perlen hinunterfallen. Das war ergreifend schön, direkt 
wie Feuerwerk. Und die Kinder brüllten vor Vergnügen: „Der Herr 
Gleiwitz als Papa, der gute Onkel Gleiwitz als Papa." 
Und da kam der Hauswirt. Donnerwetter, war das ’ne Quittung! 
Da stand das Vieh in der Tür, der Vetter Nick nämlich, wo der Haus 
wirt durch wollte. Und die Frau Schönwetter konnte noch nicht einmal 
bekannt machen, weil der Herr von Obesa rückwärts stand. Und 
der Hauswirt wollte partout nicht zugeben, daß das Tierchen mit in 
die Wohnung genommen würde. Was das immer für Quertreibereien 
sind! Er sagte, sein Haus wäre ein vornehmes Haus. Donner 
wetter, war da die Schulzen stolz, daß sie den eleganten Löwen 
hatte, das vornehmste aller Tiere. Aber der Wirt konnte sowieso 
nichts machen, denn bei dem heutigen Mieterschutzgesetz sind einige 
wenige Haustiere mit vorgesehen. Aber nun haute der mit seinem 
silbernen Stockknauf so derb auf dem Nilpferd seine Hinterfront, daß 
das sich ein wenig anstrengte und nun drinne war. Es ging dann 
ganz manierlich hinauf bis zur dritten Etage und in die Speiseküche, 
die für ihn eigens ausgeräumt war. Dabei hängte es nebenbei einen 
Flügel der Windfangtür aus und warf auf dem Vorplatz zwei Schränke 
und eine Kommode um; aber so was sind meines Erachtens nur 
Schönheitsfehler. Das Vieh nahm übrigens die ganze Küche ein. 
Und wie klug so Tiere sein können! Der Hippopotamus hatte doch 
sofort heraus, wo die Wasserleitung ist und leckte dauernd hinüber. 
Tiere sind eben begabt. Und bald war die ganze Küche naß. 
Herr Gleiwitz wohnte möbliert. Er hatte nur ein Zimmer, und da 
waren die schönsten Porzellane drin. Echt imitiert Meißen, echt 
imitiert Terrakotta, echt imitiert Sevres, echt imitiert Taragon, alles 
wertvolle Stücke, allerdings nur imitiert, dafür aber echt imitiert. 
Auf dem Kachelofensims standen zwei Kandelaber, bitte sehr!
	        

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