Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (7)

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bewirkt, schlimmstenfalls aber ist es sogar ein geistiges Armuts 
zeugnis mit Auszeichnung. Sie meinen vielleicht: die unumgeh- 
bareEntsetzlichkeit des Schondagewesenen. Gewiss, aber auch 
Goethe war kaum bei jeder Verrichtung geistvoll, und da die 
Scherzfrage, wer der Kaiser von Europa sei, prompt mit ,Die 
Phrase' zu beantworten ist, muss eklatant sein, dass unsereiner 
die Verpflichtung hat, erfrischend zu wirken. Es strengt doch 
wahrhaftig nicht an . . . Endlich, der Leierfritze geht ab . . . 
Sie, aber kalt ists da . . . Hm, sagen Sie, kennen Sie, Sie 
kennen doch Frau Roller? Nicht? Aber man hat sie Ihnen 
doch sicherlich im Cafe gezeigt. Gefällt sie Ihnen? Was? 
Klasse, Hochzucht. Entre nous: was von ihr im Cafe kolportiert 
wird, ist zweifellos glatt erlogen. Uebrigens, man sollte nicht 
glauben, wie friedlich nah Geist und Tratsch neben einander 
hausen. Ebenso wie ich fest davon überzeugt bin, dass Ihre 
Wirtin Helene heisst, so glaube ich nicht, dass Frau Roller 
Prostituierte ist. Ein Frauenzimmer, das chronisch pumpt, lässt 
sich nicht bezahlen. Gewiss, sie . . . hoppla ... na ja, das 
ist mehr als ein billiges Recht des Weibes, das ist seine schwer 
ethische Verpflichtung. Es ist aber gänzlich ausgeschlossen, dass 
dieses Weib wahllos ist. Sie fliegt wie alle erstklassigen 
Weiber auf den geistig hochwertigen Mann, sollte er auch miss 
gestaltet sein. Was freilich fast eine contradictio in adjecto ist. 
Nicht ein einziger von diesen eitlen, körperlich lachhaften 
Kaffeehaushasen, nicht ein einziger, sage ich Ihnen ... Ich 
könnte jeden Schwur dafür brechen! Man braucht doch bloss 
hinsehen, wie sie das Weib adorieren! Diese Trottel, diese 
kubierten Idioten! Wenn sie ahnten, dass so ein Weib ein tot 
sicheres Gefühl für seine eigene Minderwertigkeit hat: je vorbe 
haltloser ein Mann es bewundert, desto eher ist es geneigt, ihn 
für minderwertig zu halten. Und das Rezept, das richtig dosiert 
sogar einen Affen ins Bett der Königin lanzieren könnte, ist doch 
gar nicht kompliziert. Im Grund sind alle Weiber seicht. Der 
verblüffendste Beweis dafür ist das Erbübel, an dem sie in allen 
Nuancen laborieren, die Langeweile. In Parenthese, Unterbeweis: 
Vergnügungen können nicht albern genug sein, um nicht das 
weibliche Geschlecht am tiefsten zu ergötzen. Man vertreibe 
ihnen also die Langeweile. Kenner erreichen bei einer Frau in 
einer halben Stunde mit dem blühendsten Biographiekohl mehr 
als Oberlehrer mit jahrelanger Mondbenützung. Freilich darf 
man die besondern Erfordernisse nicht vergessen, die übrigens 
in ganz primitiven Fällen mit der Langeweile zusammenfallen 
können. Apropos. Wie halten Sie es denn? Ne jute Jejend, 
Balin, wat? Schon erfasst, wie mich dünkt. Geben Sie acht, 
mein Lieber, die Lues soll immer noch nicht herzig sein . . . 
Oder machen Sie in letzten Dingen? Na ja . . . Hm ... Es
	        
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