Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juliheft)

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von seiner Bank, richtet sich hoch auf und winkt lebhaft und freudig lächelnd 
nach dem Hintergrund des Auditoriums. Dort, etwa in der zehnten Reihe, 
sitzt der Vater des Angeklagten, der Abg. Dr. Viktor Adler. Er bemerkt die 
Bewegung des Sohnes. Sofort erhebt er sich und erwidert kopfnickend und 
winkend diesen Gruß. Zwei Sekunden später beginnt der Präsident mit der 
Kundmachung des Erkenntnisses, durch das Friedrich Adler zum Tode 
verurteilt wird.“ Daran mußte ich am Abend in der ,Zauberflöte' plötzlich 
denken, als Tamino und Pamina ihren Rundgang durch die Feuer- und 
Wasserprobe machten. In der über dem Abgrund schwebenden Heiterkeit 
dieser Musik spiegelte sich mir Fritz Adlers Gesicht.“ 
* 
Cßarfot offraßer: ün Vößcer zerrissen. 
(Novelle. Schriften für schweizer Art und Kunst. Verlag Rascher & Cie., 
Zürich.) 
Keine Erzählung, sondern die individualpsychologische Beschreibung 
eines Zustandes: Auf-und Abschwellen der Ausbrüche eines Kriegsfeindlichen 
inmitten der Umschließung des Krieges. Genaueste Aufzeichnung (durch fast 
klinisch geschulte Darstellungsmittel) des Auseinanderklaffens von Gefühl, 
Wissen, Massenstimmung eines allen Völkern Verwandten. — Dieser Monolog 
ist offensichtlich zu Beginn des Krieges entstanden; der Verfasser sah sich 
gewiß damals mit der unabhängigen Hochherzigkeit seiner Absichten isoliert 
inmitten der großen Woge von kriegsfreudiger bürgerlicher Literatur. Daher 
bleiben in seiner Darstellung die führenden Ideen noch allzuschüchtern 
zurückgehalten, und die Entscheidung zu ihnen wird dem Leser überlassen. 
Heute, wo trotz mächtiger Erstickungsversuche wahres Menschentum in allen 
Ländern ein Echo findet, würde Straßer die Dinge wohl lauter und ent 
schiedener sagen. — Höchst anerkennenswert der Verzicht auf angemaßte 
Kunstmittel; Straßer wollte offenbar weder erzählen noch dichten, sondern 
durch den Mund eines gequälten Menschen seine brüderliche Gesinnung aus 
sprechen. 
* 
‘Pauf ^Wiegfer: Figuren. 
(Verlag der Weissen Bücher, Leipzig. 1916.) 
Paul Wiegier hat als Neunzehnjähriger eine vollendete Beschreibung der 
Philosophie im neunzehnten Jahrhundert (von beinahe Lexikonumfang) gegeben. 
Er entzückte später uns (Ahnungslose!) durch eine kleine Schrift über den 
Enthusiasmus französischer „Rebellen“. Er war ein aufregend vollendeter Über 
setzer von Jules Laforgue. Man sieht, er sucht die geistigen Anstösse. Die Zeit 
war so öde, dass uns Jungen ein Mann schon Kamerad schien, der das Geistige 
nur nannte. 
In diesem neuen Buch „Figuren“ werden Menschen beschrieben, als seien sie 
Stilleben für ältere Maler: Austern, Äpfel, Schüsseln, unter denen nur der Tisch 
ein wenig wackelt. Der Gipfel des Protestes gegen Änderung der Welt. Er macht 
keinen Unterschied in der Rangordnung: Cagliostro; Andre Gide; ein Schreckens-
	        

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