Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juliheft)

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Opportunisten 
Ihr sagt, der Opportunist nahe euch mit den Worten eurer eigenen 
Gesinnung, und erst, wenn er Macht über euer Vertrauen gewonnen habe, 
in der Stunde der letzten Entscheidung, verrate er euch. 
Ihr klagt, man könne die Dinge nicht voraussehen. Aber das wäre auch 
die billigste Erfolgsrechnung und enthöbe euch aller Mühe. Eure Sache ist 
nicht, zu prophezeien, sondern in der Verteidigung des Geistes auszuharren. 
Ihr fragt, woran man den Opportunisten erkenne? 
Krapotkin spricht in den „Memoiren eines Revolutionärs“ von den 
Spitzeln: „Wer einigermaßen Lebens- und Menschenkenntnis besitzt, der 
entdeckt bald, daß diese Geschöpfe etwas an sich haben, das ihn mahnt, 
vor ihnen auf der Hut zu sein. Wer auf den sittlichen Gehalt der ihm 
begegnenden Menschen achtet, der legt sich dann selbst die Frage vor: „Was 
hat diesen Menschen zu mir geführt? Was in aller Welt kann der mit uns 
gemein haben?“ — Ein Spitzel kann Bekanntschaften nennen, er kann die 
beste, manchmal zutreffende Auskunft über seine Vergangenheit geben, er 
kann sich revolutionäre Ausdrucksweisen und Ansichten vollendet angelernt 
haben, aber niemals vermag er sich in die besondere, sittliche Anschauungs 
weise des Revolutionärs hineinzuleben — und schon dies genügt, ihn in ge 
wisser Entfernung zu halten. Alles können Spione nachahmen, nur nicht 
diese sittliche Anschauung.“ — 
Setzt für „Spitzel“ überall Opportunist ein, so habt ihr ihn. Ihr könnt 
aber auch Konjunkturschieber, Meinungsausbeuter und Partei-Machtmensch 
lesen. 
* 
\Die Weißen c Bfätter 
(Verlag Rascher <£ Cie., Zürich und Leipzig.) 
In der Juninummer spricht der Herausgeber, Ren6 Schickele, ganz personen- 
haft, doch menschlich selbstverständlich, von Friedrich Adler. Die Bemerkung 
— sie kleidet sich bunter ein als sie wohl gemeint ist — heisst: 
‘Die Zauberflöte 
„Die grösste sittliche Erhebung seit Kriegsausbruch durch Gesprochenes 
oder Gedrucktes verdanke ich der Rede, die Fritz Adler vor seinen Richtern 
in Wien gehalten hat. Dieser schlichte Mensch, der den Mut fand, sein eigener 
Held zu sein, steht am Anfang der neuen Zeit. Er sprach an seinem offenen 
Grab stark und gerade und wie übergossen von innerster Heiterkeit. Er war 
liebenswürdig zu seinen Richtern, er salutierte den Gegner. Er zeigte in jedem 
das Merkmal großer Naturen: den fanatischen Willen zur ganzen Gerechtig 
keit — die einzige Art Fanatismus, die weder dumm, noch hysterisch ist. 
Auf solcher Höhe steht seine Gestalt, in gebeugter Haltung, ein wenig linkisch, 
mit einem gütigen Lächeln, wie ein Denkmal. In der Wiener „Zeit“ las ich: 
„Unmittelbar vor der Urteilsverkündung spielte sich eine kleine, aber 
bemerkenswerte Episode ab. Der Gerichtshof hatte eben seine Beratung be 
endet und schickte sich an, wieder den Verhandlungssaal zu betreten, um 
das Urteil zu verkünden. In diesem Augenblick erhebt sich der Angeklagte
	        

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