Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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Ist das überhaupt möglich? Es ist nicht möglich. Der Gedanke ist 
falsch. Denn vor dem Gesicht der Unbedingtheit ist kein Unterschied 
zwischen Sprechen, Schreiben, Veröffentlichen, und Tun. 
Gesinnung ist alles. Aber was ist diese Gesinnung? 
Gesinnung ist, was einer mit seinem ganzen ßeben macfit. 
* 
Ich beobachte, daß es anderen Völkern nicht sehr viel besser geht. 
Etwas schon, denn manche Nationen haben das, in Jahrhunderten selbst 
errungene Glück, daß ihr Bedürfnis, laut ihre Not zu sagen, stärker ist 
und stärker anerkannt wird. Aber die Führer der Menschheit sind nicht 
die, die selbst sich dazu erwählt haben, nicht die alten großen Schrift 
redner, auf die bis zum Kriege jedes Volk so gehört hat, bis, im Augen 
blick der Krise, die Eitelkeit zum Verrat schwoll, da die Macht sie 
umschmeichelte. Die Führer der Menschheit kommen aus der Menge, der 
sie gehören, und sie sind auserwählt vom Geist. Denn nicht, um Führer 
zu sein, führen sie, sondern weil gerade kein anderer da ist, der es an 
ihrer Stelle täte; und sie tun das, indem sie an dem einzigen Moment, 
der ganz ihr Leben und ihr Können ist — so einfach die auch sein mögen 
— eingreif en. 
Wer wissen will, wie es unter den Deutschen steht, der darf nicht auf 
gerühmte Namen hören. 
Er achte auf die Jungen, Ungerühmten, grad noch nicht Totgeschossenen. 
Es beginnt. Ganz winzig. Doch es beginnt. Und dieser Beginn wird nicht 
wie einst organisierter Gewerklerstreik durch Verteilen von Speckseiten 
aus Kriegskammern zu ersticken sein. Untheatralisch, zäh, langsam, vom 
Entsetzen des Einfachsten her, ganz aus dem Kleinen zuerst, wird es zur 
Freiheit gehen. Ein schwerer Gang noch schlafdumpfer Menschen. 
Alles ist noch zu tun. Wir stehen erst am Anfang einer Vorläufer 
generation vom Leben fürs Bewußtsein dessen, was Freiheit ist. 
Aber schon am Anfang. Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!
	        

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