Full text: Der Ararat (1 (1920), 7)

werden die Bilder .des unendlidien Zyklus des 
proletarischen Schaffens ihre Herrlichkeit ent* 
falten. Angefangen von den Plastiken der Helden 
der Bewegung, die man in den Kreuzwegen der 
Städte sehen wird, die zu der Zeit schon rein 
sein werden, in den europäisch eleganten Straßen 
der Städte. Aber wehe, ich stürze in die Politik 
hinein. Welche Charaktere! Welche Plastik! 
Die Kühnheit der Bewegungen — man wird 
sich von ihnen nicht trennen können! . . . Es 
können auch Fehler Vorkommen,- aber welches 
Leben! Welche prachtvolle Typen. 
Und die Malerei? 
• * . f 
Sie kommt mir vor ähnlich der pompejanischen 
Kunst,- folglich auch der altchristlichen und der 
byzantinischen der Blütezeit. Es war ja das* 
selbe. —' Was für eine Belebung,- was für ein 
Schwung des Schaffens. Ich erinnere mich an die 
Mosaik*Kuppel der Kathedrale in Palermo: — 
Christus ist es! — Was für ein Kopf, was für 
ein unvergeßlicher Ausdruck der Augen. Ob* 
wohl alles mit groben Strichen ohne sichtbare 
Anstrengung, mit zahlreichen großen Fehlern 
gemacht ist <z. B. die Länge des Ellenbogens 
des rechten Arms!). Aber das ist nicht will 
kürlich gemacht worden. — Der Künstler konnte 
es nicht anders, er schrieb, bis er mit seiner 
ganzen Seele brannte und sah nicht seine Fehler. 
Anmerkung der Redaktion. Ein fast Achtzig^ 
jähriger, der selbst einmal in der russischen Kunst als 
Revolutionär gewirkt, der in ergreifenden Bildern die 
dumpfe Qual des geknechteten Volkes mit dem Pathos der 
Anklage dargestellt hat, schrieb diese allzu heftigen, in 
vielem ungerechten Ausfälle gegen eine neue Zeit und 
eine neue Kunst. 
Bücher / Kataloge. 
Kunst und Religion. Ein Ausspruch 
wie der Virchows: „Ich habe in meinem Leben 
viele Leichen seziert, aber nie eine Seele ge* 
furtden" galt der Generation von gestern als 
treffendes Apercu. Heute würde er wieder 
blasphemisch wirken. 
Die Weit fängt im Menschen an — Im Nacken 
das Sternenmeer — Das Geistige in der Kunst — 
lauten Prägungen unserer Zeit. Unsere Seele ist 
erwacht und erschauert in transzendentalen, kos 
mischen, religiösen Ahnungen. Wir können noch 
nicht von einer neuen Religiosität sprechen, ge* 
schweige denn von einer neuen Religion. Nur 
von einer religiösen Sehnsucht, einer religiösen 
Stimmung. 
Aus dieser heraus schrieb G. Hartlaub sein 
Buch: K unst und Religion. Ein Ver* 
such über die Möglichkeit neuer reli 
giöser Kunst. Kurt Wolff, Verlag, 
München 1919. Das Buch eines philosophisch 
begabten Kunsthistorikers, der Vergangenes 
begreift, Gegenwärtiges erlebt, Zukünftiges 
ahnt. 
0 0 * 
Von bleibendem Wert die Kapitel: „Grund* 
lagen religiöser Kunst" und „Kunst und Re* 
ligion im 19. Jahrhundert." 
Die Voraussage einer aus der Versöhnung 
der Romantik mit Nietzsche hervorgehenden 
Religiosität der Zukunft hat den Reiz einer geist* 
reich begründeten Hypothese. 
Das letzte Kapitel „Neue religiöse Kunst", 
das sich dem Kunstschaffen der Gegenwart zu* 
wendet, ist ein wichtiger Beitrag zur Wertung 
der Neuen Kunst. 
Unannehmbar aber für mich ist Hartlaubs 
Postulat: Es gibt keine religiöse Kunst ohne 
religiösen Gegenstand. — Demgegenüber be 
kenne ich mich zur Einsicht Georg Simmels, der, 
zwischen der Darstellung des Religiösen und 
der religiösen Darstellung unterscheidend, zur 
prinzipiellen Erkenntnis gelangt, daß es religiöse 
Kunstwerke gibt, deren Gegenstand gar nicht 
religiös zu sein braucht, wie es — viel an* 
erkannterer Weise — gänzlich irreligiöse gibt, 
deren Gegenstand religiös ist. Simmel zeigt am 
Beispiel Rembrandts, daß es auf Bildern dieses 
Künstlers gar keiner religiösen Einzelheiten be* 
darf,- daß das Ganze religiös ist, da die aprio* 
rische Energie, die es erzeugt hat, religiös ist. 
Das religiöse Moment als Formungsgesetz des 
Schaffens selbst. 
Der Verlag hat dem gedankenreichen und 
sprachlich schönen Buch Hartlaubs eine für die 
Zeit überraschend gute Ausstattung gegeben: 
Papier, Drude und Abbildungen sind vorzüglich. 
Der Titel eines bei G r o t e, B e r 1 i n, erschie* 
nenen Buches W. Valentiners: Zeiten
	        

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