Full text: Neue Jugend (1-5;7-11/12)

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Sexualaufklärung. 
(Ein Beitrag zur Jugendethik.) 
M eine Freundin, die Baronesse A. von S., sagte mal zu mir: 
Als ich fünfzehn Jahre alt war, unternahm meine Mutter 
das Wagnis, mich sexuell aufklären zu wollen. Dabei stellte 
sich heraus, daß sie in manchem ganz falsch unterrichtet 
war, vieles überhaupt nicht wußte. Die von ihr geplante 
Aufklärung gestaltete sich also derart, daß ich ihre Un 
wissenheit korrigierte. — 
Hier setzt die ganze herrlich grausame Satyre ein, der 
wunderschöne Spaß, sich maßlos zu entrüsten. All die elter 
lich lehrhaften Ratschläge, in Klammern: Broschürenweis 
heiten, schrumpfen elend zusammen vor der erhabenen 
Potenz der Erfahrung am eigenen Leibe. Denn jenes ist: 
kraftlose unverständliche Phrasendreherei, dies aber: Läutet 
rung und Verständnis. 
Es wird hierbei vorausgesetzt, daß dem Kinde von An 
beginn seiner Existenz ein so großes Teil ethischer Kraft 
eingeimpft werde (zunächst: Aesthetik überhaupt — ein 
begriffen: Aesthetik des menschlichen Körpers — dann 
im Einzelnen: die Freude am Reinen und Schönen), daß 
es unbeschadet und ungetrübten Auges die Klippe seiner 
Entwicklung überschreiten kann. Hierzu gehört vor allem 
eine Umgebung von einer Lebensart, die des Reinen voll. 
Ich spreche zunächst von den Knaben. — 
Es gibt Häuser, in denen die Kinder und jungen Leute 
bis in die Mittagsstunden im Bett geduldet werden. (Ent 
schuldigung der Mutter: Der arme Junge — diese Ueber- 
bürdung in der Schule — sie ahnen gar nicht —). 
Das führt aber zunächst zu Trägheit, zweitens zu Lang 
weile. Schließlich greift Gedanke und Tun in die Kreuz- 
und Quergänge des Geschlechts. Das wird zur Uebung — 
die Folgen sind unabsehbalr. Dies aber ist das Schlimmste. 
Das langsame kriechende Abstumpfen von Körper und 
Geist, das ich an einem jungen hochtalentierten Menschen 
beobachten mußte, ist unsäglich erbarmungswert. — Jüngst 
traf ich ihn. Es war, als sei alles von ihm abgeschmolzen. 
Das langblonde Haar lag ihm strohig um den Kopf, seine 
Stimme klang hohl und zittrig, wie die eines Greises, seine 
Bewegungen waren jäh und scheu, der ganze Körper zer 
brochen und zerrissen; was er spjrach, irr. Ein weher Glanz 
in seinen Augen. —
	        
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