Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Maiheft)

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sondern vor allem Menschliches sieht, wird wild vor der Unbescheiden 
heit, vor der aufdringlichen Unverschämtheit höchsten Grades, wenn er 
sieht, wie Unbeteiligte mühelos der russischen Revolution lyrisch oder 
wohlwollend auf^die Schulter klopfen. Es ist nicht die Zeit, weise Worte 
über die Gemeinschaftstat eines Volkes zu sagen; es ist nicht die Zeit, 
Dynastenhistorie zu erzählen; es ist nicht** die Zeit, den Leser oder den 
Hörer mit der Feststellung von Erfolgen zu unterhalten, zu denen er nichts 
selbst getan und gegeben hat! 
Denn da drüben geschah nichts unerwartet Plötzliches. Aber auch nichts 
von dem Narrenchaos, das bequeme hämische Propheten ansagten. Um 
die neue, höhere Menschheitsordnung im Osten hat das edelste Blut dieses 
Landes mehr als ein halbes Jahrhundert lang gekämpft. Durch Jahre hin 
durch haben Hunderttausende ihr Haus, ihre Familie, ihr Vermögen, ihre 
Bequemlichkeit, ihre Genüsse, ihre Sicherheit, ihr Leben für nichts erachtet, 
um der Hingabe willen an ein Gebild aus dem Geiste. Diese wahrhaften 
Freiwilligen, die ihr Gesetz diktiert fanden von der Bruderliebe, schufen 
an der Verwirklichung einer Idee. Diese wahrhaft Tapferen waren nicht 
gedeckt|durch Befehl und Massenzwang, sondern jeder wußte sich in jedem 
Augenblicke des Lebens ungeschützt, preisgegeben. Sie waren gestützt nur 
auf das Vertrauen zu ihrem Gewissen, auf ihren festen Willen zur Unbe 
dingtheit, auf ihren Glauben an die dereinstige Leibwerdung ihrer Idee, 
auf ihren Glauben an die neue Auferstehung des Geistes auf Erden. Sie 
waren gestützt auf ihren Glauben an die Heiligkeit des Mitmenschen. 
Derweile war in den andern Ländern der Erde Entmutigung, Skepsis, 
Erörterung und Erwerb von bloßen Methoden, denen der Antrieb des 
Geistes längst in Vergessenheit geraten war. 
Aber der Puls dieses neuen Leibes der Menschheit aus dem Geiste 
klopft [ so laut, daß ihn die ganze Erde hört. Einer, der einst Umstürzler 
hieß, jetzt zur Hilfe am Aufbau seines Landes gebeten: Krapotkin, zeigt 
in seinem Buch Gegenseitige ZHitfe (Abschnitt Gegenseitige 9£i(fe im 
‘Ulitiefaffer), wie im 12. Jahrhundert eine ungeheure Freiheitswelle über 
Europa stürmte; die Schöpfung von Bünden, Gesellschaften, Gilden, freien 
Städten, Kommunen. Diese Geistwanderung über die Völker war Jahrhun 
derte lang vergessen, und nur die Dome und die großen Bauten der Städte 
sind uns als erstarrte Zeichen der Geistesglut zur Gemeinschaft geblieben. — 
Es kann Zeiten geben, in denen die Besinnung des Menschen zum 
Geistigen schläft; unser Wesentlichstes, unser Brudertum und unsere Ge 
meinschaft kann verfressen und vergessen werden. Aber der Geist kann
	        
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