Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juniheft)

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als jubelndste unserer Forderungen bejahen würden. Aber heute wird jedes 
mutige Herz für die Menschheit stimmen, nicht für die Gewerkschaft. Die 
atomistische Kleinlichkeit des Gewerkschaftsprogrammes ist heute jedem 
Auge sichtbar. Die edle Liebe zur Erde, die Entfaltung des Menschheitsbe 
wußtseins — nicht natürlich in einem Einzelinteresse sondern in einem 
höchsten Gemeinschaftsziel — hat heute sogar schon letzte kleine Lichter 
auf die Friedensprogramme der einander feindlichen Staaten geworfen; und 
Regierungen arbeiten in ihren Manifesten heute selbst mit Grundbegriffen 
von Ideenrichtungen, die sie vor wenigen Jahren noch in grausamen Ver 
folgungen ausrotten wollten. 
Es ist Zeit, eine Bewegung, die auf der Vereinigung von Menschheits- 
bewßutsein und Gemeinschaftswillen baut, nicht mehr nach dem ablenkend 
negativen Schlagworte chaotischer Isolation zu bewerten, nach allem was 
sie von sich ausschließt, sondern nach den unmittelbaren Ideen, welche 
ihr die führenden sind. Diese Ideen strahlen im Begriffe «Sozialismus» 
zusammen. Das ist: bewußt hülfreiches Gemeinschaftsleben einer freien 
Menschheit. 
Aber die Menschen werden sich noch einmal vor eine ungeheure Prü 
fung gestellt sehen. Ein Riesenkessel von Verwechslungen, Vertauschungen 
aus Absicht, von Verkennungen wird kochen. Alles, was wir heute schon 
«Sozialismus» nennen, ist in Wahrheit getrübt durch die kurzfristigen 
Interessen des Relativen, durch Schiebungen zwischen Macht und gerin 
gerer Macht, durch Kompromisse voll von Grenzen. Gegenüber diesem 
unfreien, diesem nur bedingten Sozialismus ist heute der Kapitalismus 
fast unbedingt zu nennen. Darum wird auch nicht dieser ungelebte und 
nur abgenötigte Zehntelsozialismus dem Kriege ein Ende machen, sondern 
der Kapitalismus. Der Kapitalismus wird dem Krieg ein Ende machen im 
Kampfe gegen den Pseudosozialismus; er wird das dann tun, wenn er sich 
ernstlich bedroht sieht. In dem Moment, wo der Torso-Sozialismus völlig 
in den Staat eingehen will, wird der Kapitalismus seinen geringem Gegner 
abschütteln, und in jenem sichersten Wirkungskreis des Kapitalismus: 
seiner Internationalität, die sich des Staates bedient, seine überstaatliche 
Macht erweisen. Nach diesem Kriegsende von Gnaden des um sich besorg 
ten Kapitals wird noch einmal eine ungeheure Welle des kapitalistischen 
Sieges von innen her über die Welt stürzen; eine fürchterliche Begeisterung 
für das bunte Weltvariete des Kapitalismus wird aufbrechen, und nichts 
wird billiger sein als das Mißverständnis des Sozialismus, nichts be 
quemer als seine Verachtung, nichts deutlicher als der Widerspruch zwi-
	        

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