Full text: Der Almanach der Neuen Jugend auf das Jahr 1917 (1)

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Hastenpiep, drohte der Direktor, Sie reden ja mächtig überlegen. 
Sind Sie wirklich so verlogen, daß Sie aus sehr begreiflichenWünschen, 
die aber bloße Gedanken sind, Wirklidikeit machen? 
Ich bin organisch wahr und ridttig, während ihr organisch verlogen 
seid, so daß ihr allerdings, wie ich sagte, die Realität selber kriegerisch 
verschroben wahrnehmt, mit halluzinierend tastenden Händen greift. 
Hat doch sogar einer eurer Häuptlinge, der alte Kant, ein Buch »Zum 
ewigen Frieden« geschrieben! Dieser wahnsinnige Hecht! Er glaubte 
trottelhaft genug, es könne jemals etwas anderes geben als ewigen 
Frieden,- es gibt aber schlimmstenfalls eben nur dessen inkarnierteVer- 
kennungen, als welche sich aber sofort gegenseitig selber blutig zu 
nichte machen. Ihr könntet das schöne Wetter in Permanenz erklären, 
wenn euer Gemüt nicht wolkig statt sonnig wäre: wenn es die zen 
trale Hauptsache nicht über Milliarden Nebensachen verkennte, ver 
nachlässigte, versäumte, vergäße — wie den Tod,- und nur deshalb 
gibt es auch den Anschein des Todes, der verschwinden müßte, wenn 
ihr sonnig, also richtig lebtet. Euer Dasein ist gar kein Dasein, es ist 
eine Unsumme allzumenschlicher Selbstverkennungen, Verblendungen 
und Irrtümer. 
Sage mal, Hastenpiep, wie sind denn die möglich? Wenn eseigen t- 
lich lauter Frieden und SeJigkeit gibt, wie sind denn dann Verblen 
dungen möglich? 
Hastenpieps Augen phosphoreszierten rätselhaft: Es gibt eigentlich 
nichts als die selbsteigenste, innerste Göttlichkeit, das ist die Schöpfer 
kraft der Welt. Nun wohl! Ist diese Automat oder freier Wille? Frei 
heit, Freiheit! Aber gerade dieses Wesen, außer dem es nichts gibt als 
eben dessen notwendige Äußerung, die Welt,- die artikulierte Wider 
tönung des innersten Einklangs,- den klärlich ausgebreiteten Spiegel 
des innersten einfältigen Lichtes,- gerade Freiheit ist auch der allerlieder 
lichsten Selbstverwahrlosung, der lähmendsten Selbstfeßlungen fähig. 
Ist es denn leicht, ist es denn automatisch, frei zu sein? Ist es nicht viel 
mehr die Leistung aller Leistungen, der Gipfel der freiwilligen Selbst-
	        
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