Full text: Die weissen Blätter : eine Monatsschrift (2(1915),7)

Carf Stern beim • Napofeon 
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die blöde Einfalt der Welt auf Schritt und Tritt zu erkennen und 
sich über sie zu erheben. Die einfache Tatsache, daß sie durch Ein* 
sicht in politische Zusammenhänge die Lügenhaftigkeit aller Vorwände 
für den Krieg einsahen, gab ihnen vollkommen innere Unabhängig* 
keit von ihm. 
So konnten sie sich, während ringsum alle Welt immer tiefer in 
das verwirrte Auf und Ab der Geschehnisse verstrickt wurde, auf 
Grund einer wirklichen Überlegenheit entschieden von den Menschen 
trennen. In ihre Seele trat das Bewußtsein höherer Bestimmung, das 
sich in den Antlitzen malte. Sie lebten jetzt und webten auf Wolken 
hoch über dem gemeinen Volk. Lächelten unbetroffen erhaben zu 
allen Unglücksfällen und Exzessen, die die Folgezeit in unaufhör* 
lichem Aufeinander brachte. Die vollendete Katastrophe des Vater* 
landes führte sie auf den höchsten Gipfel innerer Erhebung. Es 
lagen ringsum nicht nur die Mitbürger ihrer erkannten Weisheit, 
Napoleon und Valentine lagen einander und jeder sich selbst bewun* 
dernd und andächtig zu Füßen. 
★ 
Eines Tages trat auf in Paris, was man die Kommune nannte. 
Sie zerschlug die Spiegelscheiben des Chapon fin, zertrümmerte alles 
Gerät im Innern und setzte Valentine und Napoleon, jeden für sich, 
ins Gefängnis. Als es nach Wochen letzterem durch einen Zufall 
gelang, sich zu befreien, erfuhr er, die Gefährtin seines Lebens 
sei, an die Wand gestellt, erschossen. Ihm fielen die Beine unter dem 
Leib fort, und tagelang schleppte er sich aus Gassen in Felder an 
Flußrändern entlang, ohne Licht und Finsternis scheiden zu können. 
Das erste Bewußtsein von sich empfing er durch einen Stoß vor 
die Brust, den ihm ein deutscher Landwehrmann gab. Doch schwand 
es wieder, bis eines Nachts, da er auf einer Pritsche lag, Erinnerung 
an Valentine ihn überfiel. Sie war rosa und wie eine tanzende 
Guirlande anzusehen, die sich immer enger um ihn schlang und ihm 
endlich die erste Träne, dann Tränenströme aus den Augen schnürte. 
Nun sank er hin, aufgelöst in ein unendlich weiches und warmes 
Weh. Lange erschütterte es seine Glieder und hüllte die Welt in 
feuchte Schleier. Es trat aber der Vergleich seiner elenden jetzigen
	        

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